Unser Jesuspapier

Unser Jesuspapier
Woher – wohin des Weges ?

Die Initiative Ökumene 2017 verdankt ihre Gründung im Mai 2010 dem entschlossenen Versuch, heutiges Christsein gegen seine institutionellen Verzerrungen an seinen Ursprung zurückzubinden.
Dieser Ursprung trägt einen Namen: Jesus von Nazareth.

Wir sind verwundert, dass das Reden und das Handeln des Menschen Jesus im gegenwärtigen Getümmel der Machtkämpfe, Memoranden, Dialog- und Reformstrategien zur Orientierung kaum herangezogen werden.

Wir sind überzeugt,dass zur Bestimmung von Christsein in jeder neuen Zeit die konkrete Erinnerung an den Menschen Jesus unerlässlich und richtungs-weisend für die Zukunft ist.Wir erliegen nicht der Illusion, Jesus’ Leben vollständig rekonstruieren zu können,auch nicht der Versuchung, ihm unsere heutigen Reformwünsche unterzuschieben oder ihn schwärmerisch zum Idol zu erheben.

Aber es ist nicht nur gestattet, sondern unverzichtbar, unsere aktuellen Fragen mit dem geschichtlichen Jesus zu konfrontieren.(Zum Beispiel führt kein Weg daran vorbei, Verbrechen der Kirchen in ihrer Geschichte, heutige strukturelle, auch sexualisierte Kirchengewalt, menschentötende Finanz- und Wirtschaftssysteme ,Kriege und fortschreitende Klima- und Naturzerstörung usw…. mit dem mutmaßlichen Blick des Menschen Jesus anzusehen und in seiner Perspektive Konsequenzen zu ziehen.)

Hier geht es darum, sich dafür jesuanischer Maßstäbe –thesenartig- zu vergewissern. So halten wir als Ergebnis jahrhundertelanger historisch-kritischer Exegese fest:

1* Seine Existenz und die Konturen seines Redens und Handelns, sowie die politischen, sozialen und religiösen Verhältnisse und Konflikte, die ihn prägten und zu seinem gewaltsamen Tod führten, sind zugänglich und historisch belegt.

2* Das freie Neben- und Miteinander verschiedener Gottes-, Jesus- und Gemeinde-Vorstellungen und Bilder in dem einen Neuen Testament ist kein Zufall: Es ermutigt zu einer Vielfalt kreativer ökumenischer Fortschreibungen – in seinem Sinn – in jeder Zeit.

3* Jesus war als gläubiger Jude aus seiner ungebrochen-vertrauensvollen Gotteserfahrung heraus religiös, gesellschaftlich und politisch ungewöhnlich angstfrei, unabhängig, offen und liebevoll. Als lebenslang Lernender entwickelte er eine (in seiner Zeit) universale Weite.

4* Verwurzelt in dieser starken, liebenden, nicht-magischen Gotteserfahrung,die Jesus selbst in die zärtliche Gebets-Anrede „Abba“ kleidete, lehnte er jeden Anspruch von Menschenherrschaft und -macht über Menschen im Namen Gottes ab.

5* Für ihn war entscheidend, dass Gottes Liebe und Gerechtigkeitsdynamik Priorität hat. Was das konkret bedeutet, hat er selber erlebt, vorgelebt und verkündet. Diese Botschaft vom „Reich Gottes“, das von vielen damals erst in der Zukunft und unter schwer erfüllbaren Bedingungen erwartet wurde, war für Jesus hier und jetzt beginnende, erlebbare und lebbare Realität! Er warb dafür, jetzt anders zu leben, Gottes Liebe in dieser Welt wahrzunehmen, sich ganz auf sie einzulassen und sie weiterzutragen– hier und jetzt! Damit stellt er damals wie heute die gesellschaftliche, religiöse, politische „Ordnung“ in Frage und auf den Kopf und fordert „neue Schläuche“ für „neuen Wein“ (Mk 2,22).

6* In der Perspektive dieses, mit ihm angebrochenen „Reiches Gottes“ rief er eine Nachfolgegemeinschaft von radikal-gleichgestellten Menschen im damaligen Judentum ins Leben.Jesus war kein amtlicher Priester und hat keine priestergeleitete Institution gegründet .Er hat im Gegenteil Priesterschaft, Tempel- und Opferkult heftig kritisiert und das prophetische Wort „Barmherzigkeit will ich – nicht Opfer!“ (Mt 9,13) aufgegriffen und selbst gelebt. Dass die Auseinandersetzungen mit Priestern und Gesetzeslehrern ihn in dem römisch besetzten Land das Leben kosten könnten, nahm er in Kauf. Jesus ist aber nicht als Sühnopfer für einen vergeltenden Gott gestorben.

7* Diejenigen, die ihm folgten und die er als seine wahre Familie ansah, waren für ihn und füreinander Geschwister, Brüder und Schwestern. Es gab dort durchaus Konflikte, aber keinerlei „hochwürdige“ oder gar „heilige“ Väter. Der 12er-Männerkreis symbolisierte nur die 12 Stammväter Israels. Eine Degradierung oder ein Ausschluss von Frauen ist bei ihm nirgends zu erkennen. Kinder galten ihm als unbedingt schutzwürdig und Vertrauensvorbild.

8* Mit großem Mut und revolutionärer Kraft fasste Jesus das in vielen Jahrhunderten gewachsene Gesetz, das uns im ersten (dem „alten“) Testament begegnet, in einer einfachen Regel von Gottesliebe und Menschensolidarität zusammen. Für ihn war dieses Gesetz um der Menschen willen da. Eine fundamentalistische Auslegung, die den Buchstaben über den Menschen stellt, hat er strikt abgelehnt. Seine Tischgemeinschaft mit „Zöllnern und Sündern“ setzte provokative Zeichen, ebenso die Heilung von Kranken und Aussätzigen und seine Vorurteilslosigkeit gegenüber Prostituierten. Es machte ihn regelrecht wütend, wenn Menschen unter Ausgrenzung und Ächtung durch solche litten, die dafür göttliches Recht beanspruchten.Es machte ihn glücklich, wenn Menschen – angesteckt durch sein Gottvertrauen – befreit von Schuld und Angst, geheilt und solidarisch selber zu leben lernten.

9* Jesus lebte mit den Menschen, in den Häusern, auf der Straße. Er war einer von uns. Seine offensichtliche Lebensfreude hing mit der Erfahrung vom „Reich Gottes“ zusammen. Das hat mit ihm eingesetzt. Er setzte auf dessen Dynamik. Darin sah er seinen Auftrag.

Eine angstbedingte, zeitlose Entweltlichungsbotschaft findet bei ihm keinen Halt.

Er hat zugehört, hat Kranke genesen lassen, hat gefragt und erklärt, auch provoziert und argumentiert und zum Nachdenken gebracht, aber niemanden auf seinen Weg gezwungen. Und er hat das alte Schema von Gewalt und Vergeltung konsequent durchbrochen und mit Gott Feindesliebe gewagt und durchgehalten – bis zum Schluss.

10*Jesus kritisierte Gier und ungerechte Besitzverhältnisse und den damals (wie heute) riesigen Graben zwischen arm und reich, und er ergriff eindeutig Partei.

Jesus teilte, was er hatte und nahm teil an dem, was andere ihm gaben.Er verzichtete nicht asketisch, sondern glücklich und spontan. Schein-Heiligkeit und hohle Machtansprüche durchschaute er sofort.Sinnbild für alles, was er in sich trug und wozu er aus Gott die Menschen bewegen wollte, waren die vielen offenen Gastmähler – auch das letzte, von dem er niemand ausschloss.

Den Mitgliedern der Ökumene 2017 liegt viel daran, in einer auf Jesus ausgerichteten Grundhaltung hier und heute notwendige Reformschritte selbstbewußt und gemeinsam zu setzen.

Wir haben bislang intensiv, mit Verstand, Geduld und Leidenschaft an der Erneuerung unserer Kirchen mitgearbeitet.Aber wir wollen unsere Kräfte nicht sinnlos aufreiben, sondern tatsächlich neue Wege gehen,so wie es auch die urkirchlichen Gemeinden mit unterschiedlichen Sichtweisen im Sinne einer vielfältigen und lebendigen Einheit taten.

Dabei scheint es uns richtig und hilfreich, jeden Schritt mit den beschriebenen Grundhaltungen Jesu abzugleichen.

Ennepetal, am 29. Februar 2012 Pfarrer Klaus Krämer

Redaktion: Jochen Jülicher, Erhard Griese, Ute Höfig, Bruno Hessel

Wir danken allen Mitgliedern und bisherigen Lesern dieses Textes, die durch ihr Mitdenken und ihre Anregungen dem Text diese Ausrichtung gegeben haben. So ist es unser Text geworden.

Insbesondere danken wir Prof. Hermann Häring für seine ausführliche theologische Beratung und fruchtbaren, hilfreichen Anmerkungen.

Über (kritische) Rückmeldungen würden wir uns auch weiterhin freuen. Sie erreichen uns unter:
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Ökumene 2017 e.V. – Postfach 4024 – D-58247 Ennepetal