Papstbrief 2014

Sehr geehrter, lieber Bruder Franziskus im Papstamt,

in Deutschland begann vor fast 500 Jahren die Reformation. Nun ist es, so meinen wir, an der Zeit, dass die von Luther nicht beabsichtigte Kirchenspaltung auch von Deutschland aus zu einer neuen, gegenseitigen Anerkennung der christlichen Konfessionen führt.

Wir, Mitglieder der Kirchenreformgruppe „Ökumene 2017“, möchten Ihnen über alle christlichen Konfessionen hinweg, einen Vorschlag unterbreiten mit der Bitte, ihn in Ihrem Herzen und im Einvernehmen mit Ihren Brüdern im Bischofsamt zu erwägen.

Sie haben sich in der kurzen Zeit Ihres Pontifikates über alle Schranken des Vorurteils und aller Konfessionen und Religionen hinweg durch Ihre Zuwendung zu den Menschen hohen Respekt erworben.

Der Initiative „Ökumene 2017“ gehören Christen verschiedener Konfessionen an. Ihnen ist die gegenseitige eucharistische Gastfreundschaft wichtig und sie streben eine Einigung der christlichen Kirchen in versöhnter Verschiedenheit an. Viele dieser Christen wünschen sich insbesondere vom Bischof von Rom ein deutliches Zeichen, den Frieden zwischen den sich fremd gewordenen Konfessionen wieder herzustellen. Dieser neue „Religionsfriede“ würde sich unseres Erachtens vor allem durch zwei Entscheidungen leichter verwirklichen lassen:

A. durch die Aufhebung des Kirchenbannes für Martin Luther, also der Rücknahme der Exkommunikation durch die Bulle Papst Leo X. „Decet Romanum Pontificam“ vom 3. Januar 1521. Martin Luther, dieser leidenschaftliche Gottsucher, hatte – bei allen spä- teren Übertreibungen – zunächst die Absicht, die Missstände der römischen Kurienkirche zu überwinden. Leider hat die römische Kurie unter Leo X. diese Intentionen Luthers nicht verstehen wollen und keinerlei Fähigkeit zur Selbstkritik gezeigt. Die Rehabilitierung Martin Luthers durch die römische Kurie wäre ein angemessenes Zeichen der Versöhnung und eine historisch längst überfällige Geste, die Mitverantwortung der römischen Kurie an der Kirchenspaltung einzuräumen. Als Vorbild für diese Geste könnte die Aufhebung der Exkommunikation des orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel durch Papst Paul VI. im Jahre 1965 gelten.

B. durch die gegenseitige eucharistische Gastfreundschaft zwischen den christlichen Kirchen. Im theologischen Verständnis der Eucharistie bzw. des Abendmahls bestehen inzwischen keine so großen Differenzen mehr, dass die gegenseitige Einladung zum Mahl noch nicht verantwortbar wäre. Beide großen christlichen Kirchen halten an der realen Gegenwart Jesu in der Mahlfeier fest. Diese Verbundenheit mit Christus begründet die Gemeinschaft aller Christen.
Unterschiedliche Frömmigkeitsformen wie etwa die eucharistische Anbetung in der katholischen Kirche können ohne weiteres weiterhin praktiziert werden, wenn die grundsätzliche Hinordnung auf ein Mahl insgesamt gewahrt bleibt, zu dem Christus uns alle
einlädt.

In der Aufhebung des Bannes für den Reformator Martin Luther und der Einladung der Protestanten zur katholischen Eucharistiefeier würde sich die gegenseitige Wertschätzung und Verbundenheit der christlichen Konfessionen ausdrücken, ohne einem überzogenen Anspruch einer gleichmacherischen Einheitskirche zu huldigen. Die Gläubigen beider Kirchen würden ihre jeweilige konfessionelle Beheimatung und Identität bewahren – in ver- söhnter Verschiedenheit. Schließlich geht der 500 Jahre währenden Trennung eine dreimal so lange gemeinsame Geschichte voraus. Diese gemeinsame Geschichte gilt es unserer Meinung nach neu zu entdecken und zu gestalten.
Die Kraft dieses neuen ökumenischen Aufbruchs, gespeist aus der Sehnsucht nach geschwisterlicher christlicher Verbundenheit, täte beiden Kirchen innerlich gut. Sie könnten diese nach außen nutzen, sich neu der Welt zuzuwenden, ohne sich ihr gleichzumachen. Ein starkes Engagement beider Kirchen für mehr Gerechtigkeit und Frieden unter den Menschen und für die Bewohnbarkeit dieses Planeten, wäre ein starkes Zeichen dafür, dass die Kirchen selbst die befreiende Botschaft Jesu vom Reich Gottes unter den Menschen verstanden hätten und zu leben versuchten.
Und nicht zuletzt: Die Aufhebung des Kirchenbanns für Martin Luther und die gegenseitige eucharistische Gastfreundschaft würden es möglich machen, im Lutherjahr 2017 nicht nur der Reformation zu gedenken, sondern auch einen Wendepunkt in der Ökumene gemeinsam mit den Protestanten zu feiern.

Sehr geehrter Papst Franziskus, lieber Bruder im Glauben,
wir möchten Sie bitten, den Wunsch vieler Christen nach gegenseitiger Anerkennung beider christlicher Kirchen zu bedenken und die Reformanliegen der katholischen Christen weiterhin mutig umzusetzen. Wir danken Ihnen für Ihre bisherigen wegweisenden Schritte hin auf eine jesuanische Kirche.

Ennepetal, 31.10.2014

Ökumene2017 Bruno Hessel, Gudrun Westkamp