Compassion statt Habgier: Rede in Frankfurt

Compassion statt Habgier –

 Die Botschaft Jesu in Zeiten des Finanzkapitalismus

Rede vor der Deutschen Bank in Frankfurt am 19. 0kt. 2012

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,liebe Freunde und Freundinnen aus den Kirchen und von attac, liebe Susan George,

 Die kleine Schrift von Stephane Hessel  „Empört Euch!“  war nur der erste Schritt in seinen  Überlegungen. Seine zweite Schrift trägt den Titel

„Engagiert Euch!“  Und deshalb stehen wir heute hier vor der Hauptverwaltung der Deutschen Bank in Frankfurt: Wir verwandeln unsere Empörung über eine Finanzindustrie, die unsere Demokratie aushöhlt, in Engagement für eine ge-rechtere Welt, in der nicht Habgier und Geiz dominieren, sondern Compassion, also Mitgefühl für den Anderen, Mitleidenschaft für die Armen. Wir halten fest an   unserer Vision von einer geschwisterlichen Welt, einer gerechteren Gesellschaft und auch von   anderen,  den Menschen dienenden, bescheidenen Kirchen.

 

Wir sind sehr verschiedene Menschen hier, wir haben unterschiedliche Beweggründe und auch unterschiedliche Vorstellungen über die Wege zu einer solidarischen Welt, in der nicht das Großkapital den Ton angibt und in der nicht das Renditedenken  alle menschlichen Beziehungen bestimmt.

Aber uns alle hier eint der Hunger nach mehr Gerechtigkeit und die Sehnsucht nach einem menschenwürdigen Leben für alle. Deshalb schließen wir, die Christen, neue Bündnisse und deshalb freuen wir uns, dass Ihr von attac und Sie, Susan George, unsere Einladung angenommen haben und uns so tatkräftig unterstützen. Natürlich haben wir zu unserer Konziliaren Versammlung auch Herrn Tebartz van Eltz, den Bischof von Limburg und alle deutschen Bischöfe eingeladen  –  die meisten haben nicht einmal geantwortet.  Es war ja schon immer so: Die Kirchenleitungen und das Kapital verstehen sich gut.

Aber die Kirchen –  das  sind mehr als Papst und Bischöfe, die Kirchen, das sind vor allem die Christen an der Basis, in den Gemeinden und die vielen Randsiedler der Kirchen, die die Weltfremdheit und Dialogunfähigkeit vieler deutscher Bischöfe nicht mehr aushalten können und wollen.   Man darf die Kirche aber nicht mit dem Reich Gottes verwechseln.

Im Mittelpunkt der Botschaft Jesu steht seine leidenschaftliche Rede vom Reich Gottes und nicht von einer bürgerlich gewordenen Amtskirche.

2. Compassion statt Habgier

Dieses Reich Gottes ist keine Jenseitsvertröstung und keine Ankündigung eines entrückten Paradieses, sondern ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens.

Und mit Frieden meint Jesus auch den sozialen Frieden. Am Tisch im Reich Gottes, das hier und heute in Frankfurt und überall beginnt, haben alle Platz und  alle sind willkommen, vor allem aber die rechtlos Gemachten und die, denen ihre Würde genommen wurde und wird, z. B. durch Lohndumping und Minijobs,   durch Altersarmut und Asylverweigerung.

Mit einer Kurienkirche violett gekleideter älterer Herren hatte Jesus nichts am Hut, auch nichts am Bischofshut. Jesus war kein Priester oder Bischof und ungefähr das Gegenteil von einem Bischof Tebartz van Elst mit seiner barocken Hofhaltung. Jesus war kein Priester, sondern ein Prophet, heilend und aufrichtend, aber auch, wenn es sein musste, umstürzlerisch. „er  stürzte die Tische der Geldwechsler im Tempel um…“ heißt es von Jesus im Matthäusevangelium. Das muss man sich mal konkret vorstellen. Wir stehen hier vor dem modernen Tempel des Geldes, den Kathedralen des Todes, weil in ihnen das das zynische Spiel von Zins-Wucher und Nahrungsmittelspekulation geplant und betrieben wird. (In der Bibel ist übrigens das Zinsnehmen verboten.)

Und wenn Papst und Bischöfe diesen Jesus theologisch und christologisch verklären und in den Himmel erheben, dann müssen wir Christen von unten, wir Randsiedler der Kirchen, immer wieder klarmachen: Es ist kein Zufall, dass Jesus keines natürlichen Todes gestorben ist, sondern er wurde hingerichtet von den Mächtigen seiner Zeit, weil er sich querstellte, – das Unrecht seiner Zeit anprangerte und mit den Menschen eine neue Lebens-Praxis entwickelte. Auch ein Alt-Bischof Franz Kamphaus brauchte keinen Bischofspalast, auch ein  Bischof Romero brauchte keine gepanzerte Limousine wie der Papst.

Er stürzte die Tische der Geldwechlser um…

 Jesus – käme er heute nach Frankfurt, wäre er nicht wieder in Versuchung, die Schreibtische der Devisenhändler und Derivateverkäufer umzustürzen? Würde er uns nicht zurufen: Fürchtet Euch nicht. Engagiert euch! und würde er nicht seine Sympathie mit den Menschen von occupay und attac zum Ausdruck bringen?

Jesus – käme  er heute nach Frankfurt, welche kreativen Ideen würde er mit uns entwickeln, wenn er sähe, dass Banken über Leichen gehen und die Politik in Geiselhaft nehmen?

Jesus – käme er heute nach Frankfurt, was täte er, wenn er sehen müsste, dass es in dieser reichen deutschen  Gesellschaft Suppenküchen für Kinder gibt?

Jesus – käme er heute nach Frankfurt, würde er Kirchensteuern zahlen, für eine satt gewordene Kirche mit aufgeblähten Kurien, die aber Kirchen vor Ort schließt, Kindergärtnerinnen entlässt und in Caritas und Diakonie selbst Lohndumping betreibt?

Jesus – käme er heute nach Frankfurt, würde er in pompöser Konzelebration  mit Papst und Bischöfen aufwändige, fernsehgerechte Gottesdienste feiern oder

3. Compassion statt Habgier

würde er doch lieber im Gallusviertel einen bescheidenen Gottesdienst der Befreiung feiern, der sich weder um konfessionelle Grenzen noch um soziale Unterschiede kümmert?

Liebe Freunde und Mitstreiterinnen,

wir lassen uns weder unsere Empörung, noch unsere Widerständigkeit nehmen und schon gar nicht unsere Sehnsucht nach einer gerechteren Welt. Vielleicht müssen wir uns gelegentlich auch selbst ermutigen. Auch deshalb sind wir hier. Wir sind schon viele und wir werden immer mehr. Denn allmählich merken es die Menschen: Geiz ist nicht geil, sondern macht krank, Habgier, die wir auch selbst kennen, macht ruhelos. Teilen tut gut, kämpfen hält lebendig und –  natürlich müssen wir bei uns selbst anfangen.

Wir verpflichten uns auch selbst zu einem bescheidenen Lebensstil und dass wir selbstkritisch sind gegenüber unseren eigenen Privilegien.

Und unseren Gegnern von der Kapitalseite rufen wir zu: ihr müsst auch weiter mit uns rechnen! Wir mischen uns auch künftig in Eure Geschäfte ein! Wir lassen nicht locker! „Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme…“ Wir lassen uns nicht den Mund verbieten: Wir werben für Bankenwechsel und Krötenwanderung, weil es schon ethisch orientierte Banken gibt. Wir machen der Politik Druck, endlich Kapitaleinkünfte angemessen zu besteuern und sagen: Finanztransaktionssteuer  – jetzt!  Wir geben  die Hoffnung noch nicht auf, dass Veränderungen möglich sind. Den Herren von der Kapitalseite rufen wir zu:  Räumt am besten selbst mit Euren menschenfeindlichen Geschäften auf! Wir werden nicht ewig warten. Kommen die Reformen nicht von oben, kommt die Revolution von unten. Das sollten wir gemeinsam vermeiden.  Wir lassen nicht zu, dass wenige Zockerbanken, die sich vornehm Investmentbanken nennen, die Weltwirtschaft noch einmal an den Rand des Abgrundes fahren. Wir beten das Credo der neoliberalen Religion des Marktes nicht nach.

Das Geld ist für die Menschen da, nicht umgekehrt. Und wenn die Finanzindustrie nicht mehr den Menschen dient, gehört sie abgeschafft. Wir machen uns bewusst: Es ist genug für alle da.

Liebe Freundinnen und Freunde,

wir stehen hier zusammen. Lasst uns auch innerlich zusammen-stehen und uns auf die Wurzeln unserer Kraft besinnen und den Traum von einer menschenfreundlichen, geschwisterlichen  Welt festhalten und umzusetzen versuchen: step by step!

Ich schließe mit einem Wunsch: Jesus – käme er heute nach Frankfurt, dann stünde er vielleicht mitten unter uns und würde uns ermutigen: Kämpft weiter für eine gerechtere Welt. Fürchtet Euch nicht!

Ich danke Euch!